Oktober 26

Das schöne am Lernen einer Fremdsprache (und auch aller anderen Dinge) ist, dass das Wachstum des Wissens exponentiell verläuft. Der Anfang ist mühsam und man lernt jedes Wort quasi einzeln. Die Birkenbihl Methode oder das Lernen mit Filmen helfen einem dabei diesen Anfang möglichst einfach und schmerzfrei zu gestalten. Allmählich nimmt man dann Fahrt auf, wenn man den Focus auch auf das Sprechen legt – in der Klasse oder mit einem Tandem-Partner, so freut man sich, wenn man den ersten Satz oder das erste kleine Gespräch gesprochen und verstanden hat. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass das Gehirn auch weiter arbeitet, wenn man zwischendurch einmal zwei Wochen Pause macht – scheinbar werden in der Zwischenzeit neue Nervenbahnen angelegt und nach der Unterbrechung klappt das Sprechen und Verstehen noch besser. Wichtig ist also nur am Ball zu bleiben und sich nicht von kleinen Rückschlägen entmutigen zu lassen, oder sich zu anspruchsvolle Ziele zu setzen. Gerade am Anfang ist weniger oft mehr.

Später sieht das ganz anders aus. Für mich ist ein großer Schritt beim Erlernen einer Fremdsprache das Lesen. Irgendwann kommt der Punkt, an dem man einen Zeitungsartikel mit Mühe oder beim Zweiten Lesen versteht, auch wenn man dazu das Wörterbuch braucht. Auch hier spielt die Zeit auf der Seite des Lernenden. Ab jetzt wird es immer leichter, bzw. weniger mühsam Zeitungsartikel zu lesen und immer mehr Dinge aus dem Kontext heraus zu verstehen. Ähnliches gilt natürlich auch für das Lesen von Büchern, was jedoch noch eine ungleich höhere Hürde darstellt. Andererseits lohnt es sich ungemein viel zu lesen, denn dadurch steigert sich der passive Wortschatz enorm, und wenn man ein Wort oft genug gelesen hat, kann man es bald auch aktiv verwenden.

Eine großartige Methode, die zum Lesen von Artikeln und Büchern hinführen kann, ist das Parallele Lesen. Ich stieß darauf wiederum in einem Buch von Vera Birkenbihl und versuchte es mit dem ‘Schweigen der Lämmer’ auf Deutsch und Französisch, weil ich die Bücher beide zur hatte. Es funktioniert so: man liest zunächst eine oder mehrere Seiten auf deutsch bzw. seiner Muttersprache. Dabei stellt man sich möglichst bildlich die Handlung vor, versucht die Wörter mit Bildern zu verknüpfen. Anschließend nimmt man das fremdsprachige Buch und liest die gleiche Textstelle. Dabei versucht man die Bilder wiederum mit den fremdsprachigen Wörtern zu verknüpfen. Je nach Fortschritt geht das schneller oder langsamer, irgendwann braucht man sich nicht mehr sonderlich zu konzentrieren, weil man fast alles versteht. Natürlich ist solches Lesen nicht sehr entspannt und es braucht einiges an Disziplin. Aber wenn man täglich ein paar Seiten liest, vielleicht von einem sehr spannenden Buch, das man kaum weglegen möchte, dann kommt man gut voran.

Bei mir zeigte sich bei dieser Methode zuerst kaum eine merkliche Verbesserung, der Effekt erst einige Zeit später, als ich ein Buch nur auf Französisch las. Als ich dann einen Monat begann einen französischen Krimi zu lesen, merkte ich, dass ich so gut wie alles verstehen konnte! Ich freute mich sehr und las tatsächlich das ganze Buch durch und musste lediglich manchmal mit dem Wörterbuch eine Bedeutung nachschlagen.

Wenn man schließlich fließend ein Buch lesen und sich einigermaßen auf der Fremdsprache unterhalten kann, dann ist es auch nicht mehr nur ein Hobby, das man nebenbei betreibt. Beruflich kann man nun den Arbeitgeber bitten die Angaben in seiner Talent Management Lösung um eine weitere Sprache zu ergänzen, und man kann die neue Eigenschaft in sein Xing-Profil eintragen, vielleicht mit dem Zusatz ‘selbstständig erlernt’. Und wenn man nicht ganz unkommunikativ ist, wird man in der Zwischenzeit die Bekanntschaft mit ein paar Muttersprachlern der gelernten Sprache gemacht haben oder das Land bereist haben, in dem die Sprache gesprochen wird. So wird das Lernen der Sprache dann erweitert zu einem Verständnis anderer Kulturen und Menschen, und man lernt, das Lernen auch immer bedeutet sein Leben zu bereichern!